Vortrag und Diskurs über Psyche und Religion in der ESG

21Jan09

God, the fatherGestern abend (20.01.2009) fand in den Räumlichkeiten der Evangelischen Studentengemeinde Bremen ein Vortrags- und Diskussionsabend zum Thema „Psyche und Religion“ statt. Geladene Vortragende waren der emiritierte analytisch orientierte Bremer Sozialpsychologe Prof. em. Gerhard Vinnai und der Bremer Religionswissenschaftler Prof. Christoph Auffarth. Der Themenabend stand unter der Frage: „Was bestimmt unser Handeln. Wie verantwortlich bist Du für dein Handeln?“

Zur Einführung stellten beide Referenten in einem Kurzvortrag ihre Gedanken zu dem Thema vor. Bei Gerhard Vinnai bedeutete dies zunächst eine Übersicht über psychoanalytische Grundlagen sowie die Erläuterung der Konsequenzen für unser Handeln. Weiterhin ging er auf die Frage von Gottesvorstellungen ein. Gottesbilder wurden hierbei als Folge unbewußter Tendenzen und Wünsche konstruiert (Gott als Übervater).

Christoph Auffarth schlug einen anderen Weg ein. Er wählte die Paradieses-Erzählung, die er nicht als Geschichtserzählung sondern als Mythos begreift, um ausgehend von dieser zu erörtert, wie unterschiedlich ihre Rezeptionsgeschichte  etwa im Koran und in der Bibel ausfällt und wie hierbei das Verhältnis von Gott und Mensch verschieden dargestellt wird. Weiter ging es um die Rolle eines „Trickster-Gottes“, einem der dem Menschen die göttlichen Geheimnisse „verrät“ und ihre abweichende Bedeutung im Christentum und Islam. Anschließend folgte eine längerer Diskurs zu den Themen in diesem Hause der christlichen Gemeinschaft.

Beide Vorträge waren auf ihre Art schön gestaltet. Herrn Vinnais Überlegungen dazu, wie die Psychoanalyse das Thema angehen kann als auch Herrn Auffarths Ausführungen waren inspirierend und stellten gut dar, wie sich die jeweilige Domäne auf ihre Art einem Phänomen (hier Religiösität) annähert. Aber irgendwie bleibt nach dem Vortrag doch eine Frage im Hintergrund bestehen. Finde ich mich mit meinen Erfahrungen in dem Gesagten wieder? Ja finden sich die Vortragenden denn darin wieder?

blind_monks_examining_an_elephantIch empfand wie so häufig bei Veranstaltungen, die Religion zum Thema haben, dass sie die Essenz von Religion allenfalls streifen. Natürlich ist es legitim, sich innerhalb einer Domäne mit einem Phänomen zu befassen und das haben die Vortragenden in wirklich vorzüglicher Weise getan. Aber am Ende bleiben Zweifel, ob es nicht noch andere Zugänge gibt, hierüber zu reden. Zugänge in denen die eigene Erfahrung ein Platz findet. Es ist zwar inspirierend und einleuchtend, Gott als Konstruktionen des Unbewußten, als Projekion unbewußter Triebe zu denken. Aber irgendwie ahnt man doch, dass dies nicht das ist, was Menschen, die religiöse Erfahrungen gemacht haben, bewegt. Ich hatte ein wenig das Gefühl, dass es sich mit den beiden Ansätzen wie mit den Bilden aus dem bekannten Gedicht The Blind Men and the Elephant von John  Godfrey Saxe verhält. Man ist eben beschränkt durch das eigene Paradigma in dem man sich bewegt.

Eine zweite Frage, über das die Vortragenden nicht gesprochen haben und somit nicht beantwortbar ist, ist ob sie selbst religiöse bzw. spirituelle Erfahrungen gemacht haben. PD Harald Walach hat bei dem Psychologiestudierendenkongress 2008 in Bremen etwas über das Masterstudium Transpersonal Psychology and Consciousness Studieserzählt, was mir einleuchtende erschien. Denn dort ist Meditation ein Bestandteil des Curriculums. Es ist sinnvoll, die Dinge von innen zu kennen, über die man reden und die man erforschen möchte. Ansonsten bleibt es stets ein Diskurs über Dinge, die man nie erlebt hat. Nicht das dies unredlich sei. Ein Psychologe muss auch keine schwere Depression erlebt haben, um diese zu behandeln. Aber doch braucht er genügend Erfahrung, um sich in die Lage des Klienten versetzen zu können.

Bei spirituellen / religiösen Erfahrungen trifft man bei der Verständigung auf das Problem der Unzulänglichkeit von Sprache. Wenn das Sprachspielallen bekannt ist, kann ich „Liebe“ sagen und der andere versteht. Auch spiriutelle Erfahrungen brauchen Worte und ein Sprachspiel, um sich zu verständigen. Die Erklärungen haben hierbei meist metaphorischen Charakter, um das ausdrücken, was einer erfährt. Stets in der Hoffnung, der andere besitzt ähnliche Erfahrungen, so dass er an die Metaphorik anknüpfen kann. Aber ohne diese Erfahrung bleibt die Metaphorik bestenfalls vage, eher aber unverständlich. Schlimmstenfalls nimmt man sie beim Wort und fängt an diese analytisch zu zergliedern. Spätestens dann hat man sich von dem was religiösen Erleben möglich ist, sehr weit entfernt. Kein Mensch würde ernsthaft behaupten, dass man indem man über Liebe redet, genau wissen könne, was Liebe denn sei, ohne sie erfahren zu haben. Bei dem Thema Religion ist dies jedoch gang und gebe. Ohne religiöse bzw. spirituelle Erfahrung wird über Gott geredet. Dann entstehen Dinge, wie Gott als richtenden Vater wörtlich zu nehmen und die subtile Metaphorik völlig mißzuverstehen. Denn man hat ja keinen  Anknüpfuingspunkt, keine Erfahrung, die es in einer anderen Weise verständlich macht. Und Dekaden später wird dieses Mißverständnis und geformte Bildnis von Gott von der Psychoanalyse als ein Kontrukt unbewußter Triebe entlarvt. Und sie haben recht. Denn dieser Übervatergott ist es, obgleich es nichts mehr mit der Erfahrung zu tun hat, auf die diese Metaphorik einst verwiesen haben mag.

Ohne Frage kommt man auch ohne den spirituellen Erfahrungshintergrund zu interessanten Einsichten dazu, was der Verstand an Konstruktionen und Projektionen erzeugen kann. Ohne Frage ist es möglich, unterschiedlichste Deutungen in religiösen Geschichten unterzubringen. Aber letztendlich bleibt einem die Bedeutung einer Metaphorik verschlossen, wenn man sie nicht auf Erfahrungen rückbeziehen kann. Über Liebe zu reden ist eben nicht der Weg Liebe zu erfahren. Man braucht hier die Liebespraxis und so auch in der Religion die Religionspraxis. Erfahrung kann nicht durch reden ersetzt werden.

liebe_deinen_nachstenEin Beispiel dafür, wie eine Deutung sich stark verändert, je nachdem, über welche Erfahrung man verfügt: „Liebe deinen nächsten wie dich selbst.“ Dieses christliche Gebot dürfte jedem geläufig sein. In der Regel interpretiert man dies gerne als ein Gebot, seinen nächsten gut zu behandeln, ja zu lieben. Dann ist man gottgefällig. Dann ist man ein guter Christ. Macht man nun die Erfahrung, dass es in der Tat möglich ist, sich selbst zu lieben, merkt man, dass sich mit dieser Erfahrung auch die Beziehung zu den Mitmenschen ändert. Oder anders ausgedrückt, wenn man sich selbst in der Welt festgehalten fühlt, bewirkt dies eine Transformation und man kann plötzlich Geben. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung sehe ich das Gebot eher als spirituelle Weisheit, denn als Verordnung. „Finde diese Liebe in dir und du liebst auch andere Menschen.“ Oder: „Wenn Du in dieser Liebe ruhst, liebst du dich und andere gleichermaßen“. Die Argumentation scheint je nach Sichwtweise auf den Kopf gestellt im Gegensatz zur obigen Fassung. Und je nachdem, welche Erfahrung man gemacht hat, wird man die eine oder andere Variante bevorzugen. Und mit Recht. Denn es handelt sich in jedem Fall um legitime Sprachspiele, die von anderen verstanden werden. Sprache ist nunmal nicht eindeutig. In einem Fall jedoch, wo es sich um fortgeschrittenere religiöse Erfahrungen handelt, bleibt zu fragen, ob das jeweils andere Verständis ohne diese Erfahrung überhaupt möglich ist und es im Falle von nicht vorhandener Erfahrung nicht zwangsweise zu Fehldeutungen kommen muss. Vielleicht kann man Dinge, die man nicht kennt erahnen. Jedoch bleibt die Erfahrung notwendig, um die Weisheiten der Bibel, des Korans, der Gita oder sonstigen Landkarten zum spirituellem Wachstum, nicht verkopft anzugehen und nur noch das Wort zu deuten.

Insofern hätte ich mich über andere Zugänge an diesem Abend gefreut, aber auch so war es interessant und inspirierend. Und schließlich ist morgen noch im Intergralen Forum Bremen ein Vortrag von Dennis Wittrock zu eben diesem weiteren Rahmen :)



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