Spiritualität beim Evangelischen Kirchentag vom 20.-24. Mai in Bremen

30Mai09

Die Innenstadt war diese Tage eindeutig überlaufen. An die 100.000 Evangelen aus ganz Deutschland und über Deutschland hinaus besuchten den 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen vom 20. bis zum 24. Mai. Knapp 3.000 Veranstaltungen zu den unterschiedlichsten Themen fanden in dieser Woche quer über die Stadt verstreut statt. Da meine Familie einige Besucher des Kirchentages aufgenommen hatte, erhielten wir dankenswerter Weise zwei Freikarten, so dass ich die Gelegenheit wahrnahm, einige Veranstaltungen zu besuchen.

Mein Interesse galt der spirituell orientierten Fraktion der evangelischen Gemeinschaft.  Allerdings fiel bei einer ersten Durchsicht des Programms auf, dass nur relativ wenige Veranstaltungen aufgrund ihres Titels auf eine solche Ausrichtung schließen ließen. Es schien jedoch, dass der Ort, an dem Veranstaltungen zu dieser Thematik gebündelt wurden, die Martin-Luther-Kirche in Findorff war.

RichardRohrEiner der Vortragenden war Richard Rohr, der bekannte us-amerikanische Autor und Franziskanerpater.  Er ist auch in Deutschland durch diverse Bücher (z.B. Ins Herz geschrieben – Die Weisheit der Bibel als spiritueller Weg) zu einer gewissen Bekanntheit gelangt. In seinen Büchern versucht er einen Zugang zu der Bibel zu vermitteln, der meinens Erachtens in den heutigen Kirchentradition viel zu kurz kommt. Die Bibel, mit ihrer schwierigen Metaphorik und in einer Sprache geschrieben, die sie die heutige Zeit schwer verständlich und unendlich mißverständlich macht, bedarf oftmals der Erklärung und Hilfe, um die in ihr enthaltenen subtilen Fingerzeige auf und Anleitung zu spiritueller Erktenntniss herauszuarbeiten. Richard Rohr versucht in seinem Büchern, das reine unantastbare Wort der Schrift von seiner Unantastbarkeit zu befreien und macht deutlich, was in der Bibel erkenntnisweisende Metaphorik und was reine Geschichte oder Anektode ist. Dies macht deutlich, dass es sich bei ihm nicht um einen orthodoxen Christen handelt, sondern einem Menschen, der versucht die eigene spirituelle Erfahrung auf die Bibel zu beziehen und das in ihr enthaltene Potential als Wegweiser zu vermitteln.

Der Vortrag von Richard Rohr handelt von dem Übergang zu einem spirituellem Leben sowie dem Stellenwert der Spiritualität in der heutigen christlichen Kirche. In seinem Vortrag zeichnet Richard Rohr das Bild eine Lebens in zwei Phasen: jene des survival und jene des sacred dance of life. Der survival dance ist der Tanz des Egos, die Bewegtheit des Menschen in der Welt vor der Intitiation der Seele. Ein Tanz voller Getriebenheit und Suche. Es ist die Phase bevor das Leben in die Hände Gottes gelegt wird, bevor der Mensch in den „state of not becoming“ eintritt. Er macht hierbei deutlich, dass  der Übergang von der einen in die andere Phase des Lebens ein Prozess ist, den die Kirche begleiten und herbeiführen sollte. Seine Meinung zum Erfolg des Christentums hierbei ist eindeutig: „Christianity fails in doing that„.  „You can go to church all life without entering the second phase of life, the sacred dance„. Er stellt in der Essenz klar heraus, dass das sprituelle Erwachen, was ein Kernanliegen der Kirche sein sollte, keine zentraler Bestandteil des Christentums in seiner heutigen institutionalisierten Form ist. Wo finde ich den Pfarrer, der diese sprituelle Reife erlangt hat und der mich anleiten kann, diese Erfahrung selbst zu machen? Es ist ein Punkt, den er verständlicherweise bedauert, den jede Metaphorik bleibt ohne die innere Erfahrung einfache nur eine Geschichte und Gott nur ein Wort.

pierre-stutz-2008Die zweite Veranstaltung, die ich besuchte, war ein Workshop von Pierre Stutz einem Theologen, katholischen Prister und spirituellem Begleiter aus Lausanne in der Schweiz. Er trug den Titel „Rituale im Alltag“. Es war ein lebhafter Workshop mit einem Mann voller Ausstrahlung.

Sein Anliegen in diesem Workshop war, ein Bewußtsein dafür zu schaffen, dass es möglich ist, Rituale, die helfen, der inneren Quelle näher zu kommen, in den Alltag einzubetten.  So plädierte er dafür, Nischen der Stille zu suchen, innezuhalten, wenn auch nur für Sekunden und zu lernen, dass was man ohnehin schon tut, achtsam zu tun. Ganz nach der Erkenntnis: „Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, der nicht zum heiligen Ort werden kann“. (Meister Eckehart). Hierbei spielt der Atem eine zentrale Rolle. Denn diesen bewußt wahrzunehmen, stellt den Schlüssel auf dem Weg zur Quelle dar. Jedoch verlangt die Einbettung kleiner Rituale Disziplin, was insofern nichts lebensfeindliches ist, sondern in diesem Sinne eine Notwendigkeit zur Transformation darstellt.

„Nimm dir jeden Tag 30 Minuten fürs Gebet, außer wenn Dui viel zu tun hast. Dann nuimm  Dir eine Stunde Zeit.“ Franz von Sales

Es ist jedoch nicht jedwedes Ritual, dass transformative Kraft besitzt. Er selbst erlebt sich als mit krankmachenden Gottesbildern aufgewachsen und einer Kultur, die durchsetzt ist von religiösen Bräuchen („die spielen Fußball katholisch, die trinken heiße Milch katholisch“). Rituale, die jedoch mitunter wenig beseelt sind. So begann er seinen Workshop mit einen an Sigmund Freud angelehnten Ausspruch: „Rituale können neurotische Aspekte haben, die etwas zwanghaftes in uns nähren„. Wenngleich nicht ohne Ironie vorgetragen, bildet diese Art der Rituale doch einen deutlichen Kontrast zu jenen, die das Potential haben, bewußter zu machen.

Mit nur zwei Veranstaltungen, die ich besucht habe, habe ich sicherlich einen selektiven Eindruck des Kirchentages erhalten. Jedoch hat es mich gefreut, dass es ein Fraktion in der Kirche gibt, die versucht, den Kern religiöser Erfahrung wieder in das Zentrum kirchlicher Praxis zu rücken. Ich empfinde es als schade, dass diese in Europa so verbreitete Religion in ihren Institutionen so wenig spirituelle Praxis und Anleitung bietet. Wie Pierre Stutz habe auch ich die übermächtigen christlichen Bilder von Himmel und Hölle, vom richtenden Gott etc. als Kind als angsteinflössend erlebt. Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt einen Zugang zur Religion fand. Dieser Zugang fand jedoch nicht über das Christentum statt. Es waren andere Menschen und Meister aller Zeiten (auch der heutigen), die die religiöse Erfahrung als Kernbestandteil ihres Wirkens hervorheben, die mir einen ersten Zugang und den Glauben an die Möglichkeit von spiritueller Erfahrung vermittelten. All dies zähle ich für mich heute zu dem, was ich unter Spiritualität verstehe. Meine Aussöhnung mit dem Christentum und seiner mißverständlichen Metaphorik schloß sich erst an diesen Prozess, an die ersten Erfahrungen an, als die Gottesbilder vor dem Hintergund meines gewachsenen Verständnisses ihren angstmachenden Charakter verloren. Nämlich dann, als mir zunehmend klarer wurde, dass auch das Christentum eine Sammelsurium spirtueller Wegweiser darstellt.  Aus diesem Grund würde ich mir mehr Menschen wie Richard Rohr oder Pierre Stutz wünschen, die diesen Weg beschreiten und auf Basis ihrer eigenen Erfahrung sprechen. Vor allem würde ich mir mehr Menschen dieser Art in Kirchenämtern wünschen, so dass die Kirche Menschen auf dem Weg zum sacred dance wirklich anleiten und begleiten kann und zwar einfach deshalb, weil diese Menschen den spirituellen Weg selber gehen.



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