International Congress of Psychology (ICP), Berlin im Juli 2008

10Aug08

icp_banner_793x130Letzten Monat (20.-25. Juli 2008) fand im Berliner Kongress Zentrum der International Congress of Psychology (ICP) statt. Es handelt sich hierbei um den bisher größten internationalen Psychologiekongress der Geschichte, mit ca. 9.000 Teilnehmer aus 100 Ländern, der im Vier-Jahres-Turnus rund um den Globus ausgerichtet wird. Die Gelegenheit war somit unter Umständen einmalig, einen Eindruck von so vielen Mitstreitern und Koryphäen meines zukünftigen Métiers zu bekommen.

Meine Erfahrung mit Kongressteilnahmen war dahin sehr gering. Der ausgezeichnet organisierte Psychologiestudierenden Kongress 2008 bildete für mich den Startschuß und so fiel es mir zunächst nicht ganz leicht, mich beim ICP zurechtzufinden. Denn das Angebot ist reichhaltig und für den Neuling schwer zu überblicken. Es gibt Sypmposia, Invited Symposia, IUPsyS Invited Symposia, Invited Addresses, Paper Sessions, Controversial Debates, Poster Sessions und diverse Ceremonials. Das meiste davon Parallel. So finden z.B. Montag morgens von 8-10h zeitgleich 31 Symposien statt. Da fällt das Entscheiden schwer die Sozialpsychologie lehrt uns, dass Reaktanz in diesem Setting vorprogrammiert ist.

Im Folgenden will ich meine Eindrücke von einigen wenigen ausgewählten Vorträgen schildern.


Einige Eindrücke aus Vorträgen

peter_bentlerPeter Bentler. Eine der bekanntesten Personen im Bereich der Strukturgleichungsmodelle und Entwickler des Programms EQS. Sein Talk im Hauptsaal hatte den spannenden Titel „Can causal structures be tested with correlations?„. Er bezog sich somit auf eine der Grundfragen in Hinblick auf Strukturgleichungsmodelle. Der Saal war gefüllt. Nach einigen spannenden einführenden Minuten stiegen die Anforderungen an die mathematischen Kenntnissen der Zuhörer nun steil an. Die mathematischen Hintergründen der Modellierung von Strukturgleichungsmodelle mussten präsent sein, um folgen zu können, wobei mein einsemstriger Kurs zu diesem Thema defnitiv nicht ausreichte.

zimbardoPhillip Zimbardo. Fast jeder deutsche Psychologiestudent kennt diesem Namen vom ersten Semester an. Der Hauptsaal in dem Emeritus Philip Zimbardo seinen Vortrag „The Lucifer effect and the psychology of evil“ hielt, war hoffnungslos überfüllt, so dass der Vortrag auf Anfrage des Veranstalters einen Tag später wiederholt wurde (ebenfalls in einem überfüllten Saal; nahezu derselbe Vortrag ist hier online zu sehen). Aus Marketingsicht war alles gut aufeinander abgestimmt. Denn gerade diese Tage wurde sein Buch: „Der Lucifer Effekt“ herausgegeben –  mit anschließender Signierstunde beim Kongress.

Bereits durch die Menge der Menschen im Saal war Stimmung von Anfang an vorhanden. Während man auf ihn wartete lief Musik: Evil Ways von Santana. Zimbardo versteht sich vorzüglich darauf, eine Show zu gestalten. Der Charakter seines Vortrags war anders, als der vieler anderer Vortragender. Es ging hier nicht um die Darstellungn neuer Erkenntnisse. „Psychology always asks small question. I will aks a big one: Why do good people turn evil?“. Es war ein Abriß bekannten psychologischen Wissens und ihre Einbettung in einen historisch-politischen Zusammenhang. Phil Zimbardo hatte als Gerichtsberater den Prozess, in dem in Abu Graib dienenede Offiziere angeklagt worden, beraten und die Vorkommnisse dort mit denen im Stanford Prison Experiment gegenübergestellt, um abschließend Schuldige für die Vorkommnisse zu benennen, die in der politischen Struktur weit oben angesiedelt sind. Dieser Abriß war fesselnd. Hatte er doch nichts von einer drögen Vortragsweise, aber genausowenig von speziellen oder neuen Erkenntnissen. Man könnte den Vortrag mit leichter Ironie als die Würdigung seines eigenen Lebenswerkes betrachten.

Standing Ovations mit einem unvergesslichen Abgang. In sizilianischern Manier wirft er Handküsse in die Menge, bevor er sagt: „The lovely lady from Iceland from yesterdays party: You are wonderful, I love you.“  Es hatte wirklich ein wenig von einem Popkonzert.

Dieser Auftritt spaltete die Geister und war Anlaß zu allerhand Begeisterungsbekundungen als auch einer Armada an polemischen Bemerkungen. Ein älterer Teilnehmer sagte, als er an unserer Gruppe vorüberschritt, „dieser ekehafte Selbstdarsteller„. Eine Studentin bemerkte in einem Gespräch: „Man muss sehen: Viele Wissenschaftler sind eher der introvertierte Typ, die sich nicht derartig in Szene setzen können. Nichts umsonst haben sie sich die graue Wissenschaft als Lebensweg ausgesucht. Und ein Lebemann wie Zimbardo repräsentiert u. U. vieles, was nicht ihrem Selbstbild entspricht, was vielleicht auch Schatten ist.“ Ich selbst war sehr dankbar dafür zu sehen, dass Vorträge von Koryphäen derart anpsrechend gestaltet sein können. Dass Wissenschaft auch mit einer Form verbunden werden kann, die ihren Charme hat, die Gefühle produziert. Wir wissen: Lernen und Emotionen gehen Hand in Hand. Und so werde ich mich an diese Vorstellung bestimmt noch viele Jahre errinnern.

james_bruce_overmierJames Bruce Overmier. J. B. Overmiers Vortrag  hatte den Titel: „The Laws of learning are always in effect: Implications for all psychologists.“ Overmier war Vorsitzende diverser APA Divisionen. In seinem Vortrag hat er ein Augenmerk auf die Bedeutung von Tierexperimenten für die heutige Psychologie gelegt. Er hat das Gefühl, dass vielen Psychologen heute nicht mehr bewußt ist, welches immense Wissen aus animal research generiert wurde und dass 90% der heutigen klinischen Praxis auf dieser beruht. Er sprach über die direkten Folgerungen für die Therapientwicklung (J. Wolpe und die sytematische Desensibilisierung etc.) . Er skizzierte  einige weniger prominente aber überaus bedeutsame Experimente und ihre Schlussfolgerungen. So z. B. die Erzeugung von experimentellen Neurosen bei Tieren in den Experimenten von Krasnogorski, einem Schüler Pawlows. Hierbei stellt er die Domäne der Tierforschung als wohlverdienten Grundpfeiler psychologischer Forschung heraus, die anhaltende Würdigung erfahren sollte. Insgesamt ein sehr gelungener und unterhaltsamer Vortrag, der neue bzw. alte Einblicke eröffnete.

kazdinschneider_barbaraAlan Kazdin vs. Barabara Schneider. Diese beiden prominenten Vertreter Alan E. Kazdin (APA Präsident 2008, klinisch orientiert) und Barbara Schneider (edukativ orientiert) diskutierten über das Thema „Do evidence-based psychotherapy and education require randomized trials“. Moderiert wurde die Debatte von einem der prominentesten deutschen Vertreter auf dem Gebiet der Methodik und Methodologie, Gerd Gigerenzer (Direktor des Max-Planck Instituts for Human Development in Berlin). Es ging um die Frage, ob kontrollierte randomisierte Studien (RCTs), die heute als Gold Standard evidenzbasierter Forschung gelten, stets dieser übergeordnete Status zuzurechnen ist. Alan Kazdin vertrat die Auffassung, dass gute Forschung dies nicht zwangsweise benötigt. Es war ein Plädoyer für die Offenheit gegenüber anderen Designs, die Möglichkeiten erröffnen, die RCTs durch ihre strengen Voraussetzungen verbauen. Er skizzierte diverse Nachteile einer rein auf evidenzbasierten Schlussfolgerungen aufgebauten Forschung. Barbara Schneider vertrat die Gegenposition und bestärkte die Nutzung von RCTs in der Forschung als „the best we have“. Der Eindruck, den diese Debatte hinterläßt, ist, dass mit vielen Worten nur wenig geklärt werden kann, dass auch ein Gold Standard seine problematischen Seiten aufweist und es eben nicht diese eine Methodik gibt, die alles abdeckt.

phelps_elizabethElizabeth A. Phelps. Elizabeth Phelps (NY University) ehemaliger Schützling von Joseph LeDoux hielt einen Vortrag mit dem Titel „Social learning of fear“. Der Vortrag war ein wunderbare Mischung zwischen den Grundlagen des Lernens und neuen Erkenntnissen aus ihrer Forschung. Wie die meisten amerikanischen Vortragenden versteht sie es einen Vortrag durch diverse Videos ansprechend zu gestalten. Und hier passiert etwas, was durchaus selten ist. Sie beschreibt ihre tragfähig erscheinenden Hypothesen zur Arbeitsweise des episodischen Gedächtnisse in Bezug auf Angstlernen und stellte deutlich heraus, dass viele alle ihre vorgetragenden Ergebnisse nicht signifikant sind. Karl R. Popper hätte sein Freude hieran gehabt.

bahbouhRadvan Bahbouh. „New tool for analysis and visualization of teams and populations: Sociomapping.“ Hierbei handelte es sich um eine Randveranstaltung. Der Mathematiker Radvan Bahbouh hat einen Fuzzy-Logik basierten Algorithmus entwickelt, der es ermöglicht, aufbauend auf diversen Daten Teamstrukturen zu visualisieren und somit Teamprozesse zu begleiten und zu moderieren. Dieses Verfahren genannt Sociomapping wurde wurde bis zur Patentreife weiterentwickelt und in dem Tool Team profile analyzer umgesetzt. Es war, muss man gestehen, eine Werbeveranstaltung. Als psychometrisch interessierter Mensch jedoch eine inspirierende Sache, die deutlich macht, wie mächtig Werkzeuge der Visualisierung für die intuitive Vermittlung von Strukturen sein können.

Sehr, sehr viele weitere bekannte Namen waren in den Listen der Vortragenden zu finden. So z. B. Giacomo Rizzolatti (Entdecker der Spiegelneuronen), Anke Ehlers (Angst- und Traumastörungen),  Elizabeth Spelke (Entwicklungspsychologin) , Elisabeth Stern (Intelligenzforschung), Barbara Tversky, Michael Tomasello und viele mehr. Die Professoren der Bremer Universität waren leider spärlich vertreten. Eine Paper Session bzw. Symposiumbeitrag gaben Prof. Frank Baumgärtel und Prof. Thomas Kieselbach.

Fazit

Insgesamt zählt die Teilnahme an einem Kongress dieser Art zu einer Erfahrungen, die ich jedem Psychologiestudenten im mittleren Semester empfehlen möchte. Es sind unglaublich viele, kaum zu benennende Eindrücke, die das Bild von Forschung und Psychologie und den Menschen, die dies betreiben prägen und verändern mögen. Es ist nicht das explizite Wissen das man von einem Kongress mitnimmt. Es sind eher positive und negative Eindrücke von den Menschen, vom Fach von allem rund um die akademische Psychologie, die eine Teilnahme lohnenswert machen.




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