Werbung mit “harten” Fakten – und warum man am Ende doch nicht schlauer ist als vorher

02Apr14

parship_haltestelleIch möchte eine kleine statistische Anektode aus meinem Alltag erzählen. Vor ein paar Tagen blieb ich an der Strassenbahnhaltestelle vor einem Plakat stehen, das eine attraktive Frau abbildet (siehe Foto links). Darüber steht folgender Text: “Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über PARSHIP.” Es ist ein Werbeplakat von PARSHIP, der Hamburger Online-Dating-Plattform. Das Lesen dieser Anzeige lässt in mir sofort ein wohliges, warmes Gefühl entstehen. Wie wunderschön, denke ich! Ich überlege schon, ob ich den Service nicht einmal ausprobiere. Ein wenig später setzt das Nachdenken ein: “11 Minuten” ist das nun viel oder wenig? Und wie lange muss ich im Schnitt auf das Verlieben warten, wenn ich ausschließlich PARSHIP (oder ein andere beliebige Datingplattform) für mein Glück nutzen will? Da steht ja schließlich nicht: Sie und nur Sie verlieben sich nach 11 Minuten, sondern irgend jemand. Aber was interessiert mich irgend jemand? Ich fange also an zu recherchieren. Auf der Internetseite von PARSHIP finde ich weitere Angaben. “Jeden Tag bringen wir 130 Singles in glückliche Beziehungen (Quelle: Hochrechnung aus Nutzerbefragung 2013, weltweit).” Dies entspricht exakt den 11 Minuten: (60 Minuten / Stunde ) / (11 Minuten / Person) * (24 Stunden / Tag) = 130 Personen / Tag. Ich bin zufrieden, es wurde richtig gerechnet. Aber ich spüre eine erste Veränderung: 130 Personen pro Tag wirkt gar nicht mehr so eindrucksvoll wie eine Person alle 11 Minuten. Irgendwie klingen 11 Personen pro Minute nach “zack, zack zack”. 130 pro Tag klingt eher ein wenig träge. Und das, obwohl beide Zahlen exakt das Gleiche aussagen! Nun gut, ich gehe diesem psychischen Phänomen nicht weiter nach und lese weiter: “48.000 Singles haben sich im Jahr 2013 über PARSHIP verliebt. (Quelle: Hochrechnung aus Nutzerbefragung 2013, weltweit)”. (Rechnung passt: (365 Tage/Jahr)* (130 Personen / Tag) = ca. 48.000 Personen pro Jahr). Wow, denke ich! Das ist erstmal eine große, eindrucksvolle Zahl. Aber bei all diesen Zahlen, die ich trotz ihrer jeweils identischen Aussage mit jeweils unterschiedlichen Gefühlen wahrnehme, wird eines gar nicht erwähnt: Auf wie viele Personen bezieht sich das Ganze denn? 48.000 Verliebte pro Jahr würden bei ca. 65 Millionen volljährigen, geschlechtsreifen Bundesbürgern jedem Demographen sicher die Tränen in die Augen treiben. Leider liefert uns PARSHIP dazu jedoch keine Angaben auf der Webseite oder auf dem Plakat. Dabei lernt man doch bereits im ersten Semester Statistik, dass zu jeder absoluten Zahl die Basis auf die sie sich bezieht dazugehört. Ich suche also nach einer solchen Zahl: Auf Wikipedia ist die Zahl der Mitglieder mit 4,5 Mio. angegeben. Der STERN berichtet in der Ausgabe vom 13.02.2014 (Seite 78) von ca. 5 Mio. Mitgliedern. Andere Seiten im Netz berichten von 750 Tsd. aktiven Mitgliedern. Auch bleibt unklar, ob die Nutzerberfragung alle Miglieder oder nur zahlende Premiummitglieder umfasst.

Wir können ja einmal verschiedene Szenarien durchspielen. Fangen wir mit der Anzahl zahlender Premiummitglieder an. Wie viele zahlende Mitglieder hat PARSHIP jedoch? Hierzu finde ich gar keine Angabe. Ich versuche es im Jahresabschluss. Auch hier nichts. Aber Angaben über den Umsatz, der in den letzen Jahren zwischen ca. 45 und 55 Mio Euro lag. Dies sollte reichen, um eine sehr grobe Hausnummer für die Anzahl zahlenden Nutzer zu errechnen. Die Beiträge für Premiumnutzer liegen meist zwischen 29,90€ und ca. 49,90€ pro Monat, je nach Laufzeit und Typ des Angebots. Die jährlichen Einnahmen pro Person liegen somit ungefähr zwischen 360€ und 600€ pro Jahr. Legen wir einmal durchschnittliche Einnahmen von 550 € / Jahr pro Premiummitgliedschaft zu Grunde (wahrscheinlich ist es eher weniger). Unter der Annahme, dass sich PARSHIP allein aus diesen Beiträgen finanziert, kommen wir somit auf eine durchschnittliche Anzahl von 50.000.000€ / 550€ = 91 Tsd. zahlenden Premiummitgliedern. Bezogen auf diese nunmehr kleine Zahl sind 48 Tsd. verliebte Personen pro Jahr wahrhaft beindruckend! Dies würde bedeuten, dass sich der erste nach 11 Minuten und der letzte nach ca. 91 Tsd. / 48 Tsd./Jahr = 1,9 Jahren verliebt. Im Schnitt würde man (nach diesem stark vereinfachten Modell) somit 0,95 Jahre warten müssen, bis man sich über PARSHIP verliebt! Oder anders gesagt: Verlieben kostet mich im Schnitt um die 500 €. Nun, dies ist doch eine wirklich tolle Nachricht und erhöht meine Motivation. Aber wenn das so ist, wieso wirbt PARSHIP nicht direkt damit: “Wir verlieben pro Jahr ca. 50% der zahlenden Mitglieder”? Ich werde unsicher. Was, wenn die durchschnittlichen Einnahmen pro zahlendem Mitglied geringer, z.B. 400€, sind? Dann würde man im Schnitt 1,3 Jahre warten müssen, um sich zu verlieben. Auch das erscheint mir noch akzeptabel. Was aber, wenn die Zahlen sich auf die 750.000 aktiven Mitglieder bezieht, von denen in einigen Onlineforen die Rede ist? Führen wir die gleiche Rechnung nun nochmal mit der Zahl der 750.000 aktiven Mitglider durch. Plötzlich explodiert die Zeit, die ich im Schnitt warten müsste geradezu auf 750 Tsd. / 48 Tsd / 2. = 7,5 Jahre! Nein, das ist mir nun wirklich zu lang! Von den Kosten ganz zu schweigen. Und für den Fall der 4,5 Mio. Mitglieder will ich mir das Rechnen lieber gleich ersparen!

Okay. Lassen wir das erstmal und versuchen uns an der übrigen Zahlen. Jetzt werde ich allerdings noch irritierter. PARSHIP wirbt mit 23.000 neuen Mitgliedern pro Woche. Klingt nach viel. Es wirkt wie eine beliebte Plattform und nach einem großen potentiellen Partnerangebot (was wohl auch der Zweck dieser Angabe wäre). Dem stehen aber nach eigenen Angaben nur (7 Tage / Woche) * (130 Mitglieder / Tag) = 910 Mitglieder gegenüber, die sich pro Woche verlieben! Oder andersherum, die Zahl der Nicht-Verliebten steigt mit 22.000 die Woche?! Hhhm. Man könnte einwenden, dass wenn mehr Leute hinzukommen, sich ja auch mehr verlieben. Klingt plausibel. Aber so richtig erklären kann ich mir die große Diskrepanz letzendlich nicht. Eine Prozentangabe der zahlenden Mitglieder, die sich pro Jahr über PARSHIP verlieben, wäre hier sicher aussagekräftiger. Aber es gibt wieder nur diese nackte Zahl ohne zugehörige Basis.

Was kann ich nun all diesen dargestellten Zahlen letzendlich entnehmen? Die Antwort ist einfach: So gut wie nichts. Denn so lange keine Angaben darüber vorhanden sind, wie groß die Personengruppe ist, auf die sich diese Zahlen beziehen, kann dieselbe Zahl Indiz für einen hervorragendes Investment oder auch verlorene Liebesmüh sein. Aber eines muss man den beteiligten Marketingstrategen lassen: Gut anfühlen tun sich die “11 Minuten” auf jeden Fall! Und vielleicht muss man es am Ende einfach einmal ausprobieren und sich selber ein Urteil bilden.

 


 

Auszüge von der PARHSIP Webseite (www.parship.de, Abrufdatum 25.03.2014)

“Eine wissenschaftliche PARSHIP-Paarstudie aus dem Jahr 2010 hat ergeben, dass die Partnersuche auf klassischem Weg durchschnittlich 6 Jahre lang dauert. … Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single mit PARSHIP (Quelle: Hochrechnung aus Nutzerbefragung 2013, weltweit).”

“> 23.000 neue Mitglieder jede Woche”

“48.000 Singles haben sich im Jahr 2013 über PARSHIP verliebt.
(Quelle: Hochrechnung aus Nutzerbefragung 2013, weltweit)”

“Und das tun wir: Jeden Tag bringen wir 130 Singles in glückliche Beziehungen (Quelle: Hochrechnung aus Nutzerbefragung 2013, weltweit).”

 

 

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2 Responses to “Werbung mit “harten” Fakten – und warum man am Ende doch nicht schlauer ist als vorher”

  1. 1 Paul

    Ähnliche Fragen gingen mir beim Betrachten der Anzeige auch durch den Kopf. Vor allem: beruht dies auf Gegenseitigkeit? (Das hat sich Sascha Bors via Twitter auch schon gefragt :D // https://mobile.twitter.com/sashbeinacht/status/447444764481552384)
    Vielen Dank für die Berechnungen und den Kommentar! 130/Tag von angenommenen 4,5 Mio Mitgliedern ist jetzt nicht der Burner.
    Tolle marketingtechnische Aufarbeitung der Zahl!

    Viele Grüße
    Paul

  2. Danke. Genau die gleiche Rechnung wollte ich auch eben aufstellen, ehe ich dein Foto über Google gefunden und den Artikel gelesen habe. Genau die Gedanken und Rechenansätze gingen mir auch durch den Kopf.


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